kleines Mädchen in Narakot Nepal

Portraitfotografie

Wenn ein Bild zur Erinnerung wird !

Jedes Bild erzählt im Nachhinein eine Geschichte.

Zumindest für den Fotografen.

Es erinnert an einen Menschen, eine Begegnung, einen Ort oder vielleicht nur an diesen einen kurzen Augenblick, in dem alles gepasst hat.

Und manchmal passiert etwas ganz Besonderes.

Man betrachtet ein Foto Monate oder sogar Jahre später und ist plötzlich wieder dort. Man erinnert sich an die Situation, an die Menschen, vielleicht sogar an ein Gespräch, ein Geräusch oder eine Stimmung.


Wenn mir ein Bild Jahre später noch Gänsehaut bereitet, dann ist es für mich ein gutes Bild.


Dabei muss es nicht technisch perfekt sein.

Besonders stolz bin ich auf ein Foto, wenn ich beim Betrachten sofort weiß:

Dieses Bild würde ich ohne eine Sekunde nachzudenken bei einem meiner Vorträge zeigen.


Nicht weil es perfekt belichtet ist. Nicht weil die Schärfe bis ins letzte Detail stimmt.

Sondern weil ich etwas dazu erzählen kann.

Weil hinter diesem Bild eine Geschichte steckt.

Und vielleicht ist genau das für mich der Unterschied zwischen einem schönen Foto und einem Bild, das bleibt.

Portraitfotografie – Menschen natürlich und authentisch fotografieren

Ein technisch perfektes Portrait ist noch lange kein gutes Portrait.

Das klingt vielleicht etwas eigenartig, schließlich beschäftigen wir uns beim Fotografieren ständig mit Blende, Verschlusszeit, ISO, Fokus und der richtigen Belichtung.

Aber wenn ich Menschen fotografiere, interessiert mich zuerst etwas anderes.

Der Mensch vor meiner Kamera.

Sein Gesicht, sein Blick, seine Umgebung und vielleicht auch die Geschichte, die hinter diesem Menschen steckt.

Gerade auf meinen Reisen habe ich gelernt, dass die besten Portraits oft nicht geplant sind. Sie entstehen bei Begegnungen, beim Warten, beim Beobachten oder manchmal einfach aus einem Lächeln heraus.

 

Natürlich hilft es dabei ungemein, seine Kamera zu kennen.

Denn wenn dieser eine Moment kommt, möchte ich nicht minutenlang im Kameramenü nach der richtigen Einstellung suchen.

Dann möchte ich fotografieren.

Was macht ein gutes Portrait aus?

Natürlich freue ich mich, wenn die Augen scharf sind, das Licht stimmt und der Hintergrund nicht vom Menschen ablenkt.

Aber ein gutes Portrait braucht für mich noch etwas anderes.

Es muss mich interessieren.

Ein Blick kann dabei wichtiger sein als perfekte Schärfe. Ein Gesicht kann eine Geschichte erzählen. Hände, Kleidung oder die Umgebung können manchmal mehr über einen Menschen verraten als ein perfekt ausgeleuchtetes Studiofoto.


Deshalb muss ein Portrait für mich auch nicht immer nur aus Kopf und Schultern bestehen.


Manchmal gehört die Umgebung unbedingt dazu.

Ein Bauer vor seinem Haus. Eine alte Frau vor einem kleinen Laden in Kathmandu. Ein Mönch in einem Kloster. Ein Träger auf einem Weg im Himalaja.


Die Umgebung erzählt einen Teil ihrer Geschichte.


Und genau deshalb überlege ich vor dem Fotografieren:


Was möchte ich eigentlich zeigen?

Den Menschen?

Seine Umgebung?

Eine Emotion?

Oder eine Geschichte?

Diese Entscheidung beeinflusst anschließend auch meine Kameraeinstellungen.

Die Blende - wie viel Umgebung soll mein Portrait zeigen?

 Die Blende gehört für mich zu den wichtigsten Gestaltungsmöglichkeiten bei der Portraitfotografie.

Eine weit geöffnete Blende – beispielsweise f/1.8 oder f/2.0 – erzeugt eine geringe Schärfentiefe. Das Gesicht kann scharf sein, während der Hintergrund zunehmend verschwimmt.


Das kann wunderschön aussehen und den Blick unmittelbar auf den Menschen lenken.


Aber eine möglichst offene Blende ist nicht automatisch die beste Blende für jedes Portrait.


Gerade auf Reisen möchte ich häufig auch etwas von der Umgebung erzählen.

Dann können f/2.8, f/4 oder sogar f/5.6 viel interessanter sein.

Fotografiere ich beispielsweise einen Menschen vor einem Tempel in Kathmandu, möchte ich vielleicht noch erkennen können, dass wir uns an einem Tempel befinden.


Der Hintergrund soll nicht vom Menschen ablenken – aber er darf Teil der Geschichte sein.

Mein Ausgangspunkt

Für ein klassisches Portrait einer einzelnen Person beginne ich häufig ungefähr bei f/2 bis f/4.

Bei mehreren Personen schließe ich die Blende weiter, damit möglichst alle Gesichter ausreichend scharf werden.

Aber auch hier gilt:


Die Blende ist keine Vorschrift. Sie ist ein Gestaltungsmittel.

ISO - lieber etwas Bildrauschen als kein Bild

Beim ISO-Wert war ich lange ziemlich vorsichtig.

ISO möglichst niedrig – schließlich möchte man möglichst wenig Bildrauschen.

Grundsätzlich stimmt das natürlich.


Aber was bringt mir ISO 160, wenn meine Verschlusszeit dadurch so lang wird, dass sich mein Gegenüber bewegt und das Gesicht unscharf wird?

Dann habe ich zwar wenig Bildrauschen, aber möglicherweise auch kein brauchbares Portrait.


Deshalb verwende ich bei meiner Fujifilm X-T4 sehr gerne Auto-ISO mit einer sinnvollen Obergrenze.


Bei ausreichend Licht bleibt die Kamera automatisch bei niedrigen ISO-Werten. Wird es dunkler, darf sie den ISO-Wert erhöhen.

Und wenn aus ISO 400 plötzlich ISO 1600 oder ISO 3200 wird?

Dann ist das eben so.


Ein gutes Portrait mit etwas Bildrauschen ist mir wesentlich lieber als ein technisch sauberes Bild, bei dem der entscheidende Moment vorbei ist.

Verschlusszeit – Menschen halten selten vollkommen still

Bei Landschaften kann ich mir Zeit lassen.

Ein Berg läuft normalerweise nicht davon.

Bei Menschen sieht das anders aus.

Sie reden, lachen, drehen den Kopf, bewegen ihre Hände oder gehen plötzlich weiter.


Deshalb achte ich bei Portraits besonders auf meine Verschlusszeit.

Bei einem ruhigen Menschen kann 1/125 Sekunde durchaus funktionieren.


Mein persönlicher Ausgangspunkt liegt häufig ungefähr bei:

1/250 Sekunde für ruhige Portraits


Bewegt sich mein Gegenüber, gehe ich eher auf:

1/500 Sekunde


Bei Kindern, schnellen Bewegungen oder spontanen Situationen können auch:

1/1000 Sekunde oder kürzer

sinnvoll sein.


Auch das sind keine in Stein gemeißelten Regeln.

Aber gerade auf Reisen hilft mir eine ausreichend kurze Verschlusszeit dabei, mich auf den Menschen zu konzentrieren, anstatt ständig Angst vor Bewegungsunschärfe zu haben.

Blende, ISO und Verschlusszeit gehören zusammen

 Denn Blende, ISO und Verschlusszeit sind keine drei voneinander unabhängigen Einstellungen.
Und genau hier fängt die fotografie an, Spass zu machen!

Sie beeinflussen gemeinsam die Belichtung meines Bildes.

Öffne ich die Blende, gelangt mehr Licht auf den Sensor.

Verkürze ich die Verschlusszeit, gelangt weniger Licht auf den Sensor.

Erhöhe ich den ISO-Wert, kann ich trotz weniger Licht mit einer kürzeren Verschlusszeit arbeiten – muss dafür aber möglicherweise etwas mehr Bildrauschen akzeptieren.

Das klingt am Anfang kompliziert.

Irgendwann beginnt man aber zu verstehen, wie diese drei Dinge zusammenspielen.

Und genau dann muss man beim Fotografieren immer weniger darüber nachdenken.

Eine ausführliche Erklärung dazu findest du in meinem Beitrag über Blende, ISO und Verschlusszeit.

Focus - bei einem Portrait schaue ich zuerst auf die Augen

Bei einem klassischen Portrait sollten für mich vor allem die Augen scharf sein.

Unser Blick wandert bei einem Gesicht fast automatisch zu den Augen. Sind sie unscharf, wirkt häufig das gesamte Portrait unscharf.

Moderne Kameras machen uns das inzwischen ziemlich einfach.

Bei meiner Fujifilm X-T4 verwende ich dafür gerne die Gesichts- beziehungsweise Augenerkennung.

Bei einem ruhigen Portrait

Bei einem Menschen, der relativ ruhig vor mir steht oder sitzt, kann ich mit einem einzelnen Fokuspunkt beziehungsweise AF-S sehr gezielt arbeiten.

Wenn sich der Mensch bewegt

Bei gehenden Menschen, Kindern oder spontanen Situationen verwende ich eher AF-C.

Die Kamera versucht dann, den Fokus kontinuierlich nachzuführen.

Gerade bei Reisefotografie ist das für mich praktisch, weil ich Menschen eben nicht immer perfekt positionieren und anschließend bitten möchte:

„Bitte nicht mehr bewegen.“

Ich möchte den Menschen möglichst natürlich fotografieren.

Licht ist für mich wichtiger als teure Ausrüstung

Man kann unglaublich viel Geld für Kameras und Objektive ausgeben.

Das beste Objektiv hilft mir aber wenig, wenn ich nicht auf das Licht achte.

Gerade bei Portraits versuche ich deshalb zuerst zu schauen:

Woher kommt das Licht?

Mittags in der prallen Sonne entstehen schnell harte Schatten unter Augen und Nase.

Manchmal reicht es schon, mit der Person ein paar Meter in den Schatten zu gehen.

Ein Hauseingang, ein Fenster, ein Vordach oder eine helle Hauswand können plötzlich ein wunderschönes Licht erzeugen.

Auch Gegenlicht kann fantastisch sein.

Ich versuche deshalb immer öfter, zuerst das Licht zu suchen und erst danach darüber nachzudenken, welche Kameraeinstellung ich brauche.

Fotografie bedeutet schließlich „Malen mit Licht“.

Und vielleicht ist Licht tatsächlich unser wichtigstes Werkzeug.

Der Hintergrund gehört zum Portrait

Einer meiner häufigsten Fehler war lange Zeit:

Ich sah einen interessanten Menschen – und fotografierte.

Erst später am Computer bemerkte ich den Mistkübel hinter seinem Kopf, das Verkehrsschild daneben oder irgendeinen Ast, der scheinbar direkt aus seinem Ohr wuchs.

Heute versuche ich deshalb, vor dem Auslösen auch kurz hinter mein Motiv zu schauen.

Manchmal reicht bereits ein Schritt nach links.

Oder nach rechts.

Vielleicht gehe ich etwas tiefer.

Vielleicht fotografiere ich von weiter oben.

Und plötzlich wird aus einem unruhigen Bild ein wesentlich besseres Portrait.

Das kostet nichts.

Keine neue Kamera und kein neues Objektiv. Nur ein paar Sekunden Aufmerksamkeit.

Welche Brennweite eignet sich für Portraits?

Es gibt nicht die eine richtige Portraitbrennweite.

Für klassische Portraits mag ich Brennweiten, bei denen ich etwas Abstand zum Menschen halten kann und das Gesicht natürlich dargestellt wird.

Aber gerade auf Reisen fotografiere ich auch gerne etwas weitwinkliger.


Warum?


Weil ich dann mehr von der Umgebung zeigen kann.

Bei einem engen Portrait interessiert mich hauptsächlich der Mensch.

Bei einem sogenannten Environmental Portrait wird dagegen die Umgebung Teil der Geschichte.

Beides hat seine Berechtigung.


Die Frage ist wieder:

Was möchte ich mit diesem Bild erzählen?

Meine Grundeinstellungen für Portraits

Wenn es schnell gehen muss, möchte ich nicht erst lange überlegen.

Deshalb habe ich einige Einstellungen, mit denen ich beginne und die ich anschließend der jeweiligen Situation anpasse.

Mein Ausgangspunkt mit der Fujifilm X-T4:

  • Modus: häufig A-Modus / Zeitautomatik

  • Blende: etwa f/2 bis f/4 bei einer Person

  • ISO: Auto-ISO mit sinnvoller Obergrenze

  • Verschlusszeit: möglichst 1/250 s oder kürzer

  • Fokus: Augen-/Gesichtserkennung

  • AF-S: bei ruhigen Motiven

  • AF-C: bei Bewegung

  • Belichtungskorrektur: wenn die Lichtsituation es notwendig macht

Das Entscheidende dabei:

Das sind meine Ausgangspunkte und keine allgemeingültigen Regeln.

Wenn die Situation etwas anderes verlangt, ändere ich meine Einstellungen.

Menschen auf Reisen fotografieren

Und jetzt kommen wir zu einem Punkt, der mir wesentlich wichtiger ist als jede Kameraeinstellung.

Respekt.

Auf Reisen begegnen wir Menschen, deren Kleidung, Arbeit, Lebensweise oder Kultur für uns vielleicht außergewöhnlich erscheint.

Für diese Menschen ist es ihr Alltag.

Nur weil ich eine Kamera in der Hand halte, habe ich nicht automatisch das Recht, diesen Menschen zu fotografieren.

Gerade in Nepal habe ich immer wieder erlebt, wie Touristen ihre Kamera oder ihr Handy auf Menschen richten, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Person überhaupt fotografiert werden möchte.

Dabei wäre es oft so einfach.

Ein Blick.

Ein Lächeln.

Die Kamera kurz zeigen.

Fragen.

Manchmal braucht es nicht einmal eine gemeinsame Sprache.

Und wenn jemand nicht fotografiert werden möchte, dann gilt:

Ein Nein bleibt ein Nein.

Erst der Mensch, dann das Foto

Vielleicht ist das sogar meine wichtigste Regel bei der Portraitfotografie.

Erst Mensch. Dann Motiv. Dann Foto.

Ich möchte niemanden nur deshalb ansprechen, weil ich ein interessantes Gesicht entdeckt habe.

Manchmal entsteht zuerst ein Gespräch.

Manchmal trinken wir einen Tee.

Manchmal wird gelacht.

Und manchmal entsteht danach ein Portrait.

Vielleicht entsteht auch keines.

Das ist vollkommen in Ordnung.

Interessanterweise sind es aber oft genau diese Begegnungen, aus denen später meine Lieblingsbilder entstehen.

Denn wenn ich das Foto Jahre später wieder sehe, sehe ich nicht nur ein Gesicht.

Ich erinnere mich an den Menschen und an die Geschichte dahinter.

Muss ein Portrait technisch perfekt sein?

Nein.

Zumindest für mich nicht.

Natürlich versuche ich, meine Fotografie ständig zu verbessern. Ich möchte verstehen, was meine Kamera macht. Ich möchte Licht besser erkennen, sicher fokussieren und meine Einstellungen beherrschen.

Denn je besser ich meine Kamera kenne, desto weniger muss ich beim Fotografieren über sie nachdenken.

Aber Technik bleibt für mich ein Werkzeug.

Nicht das Ziel.

Ein leicht unscharfes Bild eines unglaublichen Moments kann für mich wesentlich wertvoller sein als ein technisch perfektes Portrait, das keinerlei Emotion auslöst.

Schau einem Menschen in die Augen.

Siehst du darin eine Geschichte?

Dann ist es vielleicht vollkommen egal, ob du das Bild mit f/1.8 oder f/2.8 aufgenommen hast.

Mein Fazit zur Portraitfotografie

Portraitfotografie bedeutet für mich nicht, Menschen möglichst perfekt abzulichten.

Ich möchte Menschen zeigen.

Ihre Gesichter. Ihre Augen. Ihre Umgebung. Ihre Arbeit. Ihre Freude. Manchmal vielleicht auch ihre Nachdenklichkeit.

Blende, ISO, Verschlusszeit und Autofokus helfen mir dabei.

Aber sie machen noch kein gutes Portrait.

Das wichtigste Werkzeug befindet sich nicht in meiner Fototasche.

Es ist die Bereitschaft, hinzuschauen.

Zeit zu haben.

Menschen mit Respekt zu begegnen.

Und manchmal einfach im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken.